Über das Label Vanlife, und die ewigen Zweifel, die jeder scheinbar glückliche Mensch hat.

Jetzt soll ich also einen Blogpost schreiben. Da ich das noch nie in meinem langen ausgiebig gelebten Leben gemacht habe, habe ich erst mal gegoogelt, wie man das macht. Einen Spannungsbogen erzeugen stand da. Eine schlagkräftige Überschrift finden, es anders machen wie die anderen und doch nach gewissen Regeln vorgehen.

So richtig schlau bin ich daraus nicht geworden, deswegen schreibe ich einfach mal drauf los. Das machen viele Künstler so, habe ich gehört. Jetzt würde ich mich nicht direkt zu den Künstlern zählen, aber wenn die schon sagen, sie schreiben einfach so lang, bis der Kopf leer ist und dann sortieren sie, mache ich das auch mal so.

Gerade sitze ich in einer ziemlich coolen Bar in Porto, es gibt Selbstbedienung, Schwarzweiß-Drucke an der Wand, einen Plattenspieler, unten kann man analoge Filme entwickeln lassen und es gibt einen stillen Raum mit stabilem W-Lan und genügend Steckdosen. Ziemlich hip also.

Manchmal fühle ich mich richtig alt, wenn ich das Wort hip benutze. Sagt man jetzt neuerdings lit? Oder ist das auch schon out? Dabei bin ich erst 23. Wobei wir schon mal bei mir wären – was eine gute Überleitung.

Ich bin 23, reise gerade alleine in meinem froschgrünen Sprinter. Von der Schweiz bin ich über Italien und die französische Mittelmeerküste durch die Pyrenäen nach Porto gefahren, um an der spanischen Nordküste über die französische Westküste zurück nach Süddeutschland zu fahren. Wenn mich Menschen, denen ich begegne diese typischen Berufsfragen stellen, bei denen sich die Leute automatisch danach definieren, was sie arbeiten, wusste ich lange nicht, was ich sagen soll. Studentin bin ich nicht mehr, das habe ich im August abgeschlossen und eine gute Beziehung zu meinem Abschluss habe ich auch nicht. Diesen Lebensabschnitt überspringe ich also schon mal. Dass ich im Moment in meinem Van reise und darin lebe, ist auch nicht das, was mir gleich anfangs in den Sinn kommt, denn das stimmt auch nur die Hälfte des Jahres. Und überhaupt – mache ich das mit dem Vanlife nicht auch erst seit August! Kann ich mich dann überhaupt zu den Vanlifern zählen?

Letztendlich komme ich immer zu dem Schluss, dass Labels eh doof sind und zumeist nur einen Bruchteil von dem abbilden, was man eigentlich ist.

Unsere Gesellschaft verlangt aber, dass wir uns bei der Frage „Und was machst du so?“ eines dieser Labels aussuchen. Also habe ich mir angewohnt zu sagen: „Ich bin Saisonarbeiterin, arbeite mit Kühen in der Schweiz und lebe in meinem Van.“ Das macht mich dann für mein Gegenüber interessanter, als ich denke, dass ich es bin und einfach zu verstehen ist es für die meisten auch nicht.

Ich erzähle von vorne.

Irgendwo in meinem Kopf ist vor zwei Jahren oder so der Gedanke aufgeploppt, in einen Van zu ziehen. Vom Begriff Vanlife wusste ich damals noch nichts. Aber wenn man mich gefragt hat, warum ich zu meinem 18. Geburtstag kein Auto will, habe ich geantwortet: Warum sollte ich ein Auto wollen? Ich verstehe den Sinn dahinter nicht. Wenn, dann wird mein erstes Auto ein Van. In einem Van kann man schlafen und wohnen, an den schönsten Orten der Welt. Bei meinen Mitbewohnern bin ich bekannt als die, die abends um neun noch einen Kaffee trinkt. Und als die, die morgens aufwacht mit einer neuen Idee und die dann sofort umsetzt. Ob es dazwischen einen Zusammenhang gibt – keine Ahnung.

Ich bin also wohl eines Tages aufgewacht und wusste – ich kaufe mir einen Van.

Ich habe genug vom Studieren, den Sinn sehe ich gerade nicht mehr darin, ich mache meinen Abschluss und kaufe mir einen Van. Gesagt getan, bin ich einen Monat später auf die Suche im Internet gegangen, alle haben den Kopf geschüttelt und das als eine gedankliche Verwirrung meinerseits abgetan, bis ich wenige Wochen gleich beim ersten Besichtigungstermin Besitzerin eines ziemlich großen, froschgrünen Sprinters war. Und damit stand in der Hofeinfahrt mein großer grüner Traum und mein großes grünes Problem. Der Ausbau war haarig, neben der Thesis bin ich jedes Wochenende nach Hause gefahren, um Holz zuzuschneiden, mir Gedanken um ökologische Baumaterialien zu machen und neue Roststellen zu entdecken. Ich denke, das war eine der energieraubendsten Phasen in meinem Leben. Alle meine Freunde waren in der Stadt am Wochenende, das Leben ging ohne mich weiter, nur ich saß in der Heimat beim Ausmessen von Konstruktionsholz. Ich hab aber auch viele coole Sachen gelernt. Flexen zum Beispiel, mit der Kreissäge umgehen und im Schrauben bin ich jetzt mindestens stolze Inhaberin des Meistertitels. Das Ergebnis macht mich so stolz wie sonst kaum etwas – stolzer als mein Abitur, mein Studienabschluss, mein Talent zu Musik. Mein Van ist etwas, das ich selbst geschaffen habe. Das Ergebnis ist nur deshalb so gut, weil ich auf meine Intuition gehört habe und abseits von allen gegenteiligen Meinungen und Lebensentwürfen mich für das entschieden habe, das ich will. Im August bin ich also losgefahren. Zuerst mit einer Freundin nach Slowenien und Kroatien. Das war wunderschön, aber wir haben viel Zeit auf Campingplätzen verbracht, das ist eigentlich etwas, was ich nicht so gerne mag. Auf Campingplätzen fühle ich mich eher einsam, als wenn ich wirklich alleine in der Natur bin.

Danach ging es über die Alpen in die Schweiz, nach Graubünden, wo ich mich für drei Wochen auf einer Kuh- und Ziegenalp zur Freiwilligenarbeit gemeldet habe.

Das war sozusagen die Geburtsstunde für vieles, was jetzt meine Jahresplanung beansprucht. Ich habe mich selten so gebraucht und angekommen gefühlt als dort in diesem einsamen Bergtal mit der Aufgabe, mich um die Tiere zu kümmern. Den ganzen Tag laufen und nebenbei ein paar Sachen erledigen, Tiere um sich haben, für die man verantwortlich ist, eine Daseinsberechtigung an einem der schönsten Orte der Welt – und dann auch noch bezahlt zu werden – kann es etwas besseres geben? Nein, kann es nicht, dachte ich mir. Im Herbst bin ich wieder in die Schweiz gefahren, Freunde besuchen und Berge gucken. Es ist nicht einfach in der Schweiz mit dem Van. Freistehen ist schwierig, von Kanton zu Kanton gibt es sehr unterschiedliche Verbote, aber Verbote überall. Trotzdem bin ich gerne dort – oder gerade deshalb. In der Schweiz werden Umweltschutz und nachhaltige Landwirtschaft groß geschrieben. Die Landschaft zu stören ist eher ein Unding dort und einer der Gründe, warum ich die Schweiz sehr gerne mag – neben dem Dialekt, den extraorbitant guten Bioprodukten und der Naturverbundenheit. Im Winter bin ich dann also als Hilfskraft auf Biobauernhöfe im Schweizer Oberland gegangen, um Melken zu lernen, Kühe zu verstehen, und Mist von A nach B zu schieben.

Eigentlich bin ich der größte Morgenmuffel, aber für die Kühe um fünf aufzustehen ist echt in Ordnung.

Im Sommer habe ich eine Anstellung als Kuhhirtin und bin für hundert Kühe und zwanzig Schweine zuständig

– auf einer wunderschönen Alp in Lumnezia. Dazwischen verdiene ich mir ein Taschengeld als Köchin für eine NGO, die im Umwelt- und Kulturlandschaftssektor arbeitet, und bin Teamleiterin in einem Freiwilligennetzwerk. Dann bleiben noch ein paar Monate, in denen ich im Bus lebe und reise oder in Erlangen bei meinen Freunden bin. Mein Leben ist also ziemlich bunt und das Leben im Van ist für mich die einzige Möglichkeit, alles unter einen Hut zu bringen. Wie oft ich Menschen beneide, die man in eine bestimmte Kategorie stecken kann. Kunstschaffende zum Beispiel, Älpler*innen, grüne Aktivist*innen, Großstädter*innen, Naturliebhabende, Hippies, Ökos, Wohnprojektler*innen, Studierende, Reisende….

Ich zähle mich zu allen dazu, ich bin viele Puzzleteile und ich möchte keines davon missen, denn dann wäre das Puzzlebild nicht vollständig.

Vanlife ist für mich also kein Ideal, nach dem ich lebe, es ist eine Notwendigkeit, um kein Puzzleteil zu verlieren.

Das klingt jetzt so als wäre ich der glücklichste Mensch der Welt, aber der Schein trügt. Ich bin wohl nicht mehr oder weniger glücklich als andere Menschen. So oft zweifle ich an meinen Entscheidungen, so oft vermisse ich einen festen Wohnort mit meinen liebsten Menschen um mich herum. Manchmal bin ich einsam und schaffe es nicht, alle Eindrücke um mich herum gebührend wahrzunehmen. Ich weiß auch, dass das nur eine Station auf meinem Lebensweg ist und versuche das meiste rauszuholen.

Ich muss mir immer wieder vor Augen führen: Ich mache das, um am Meer zu sein und in den Bergen zu arbeiten, um Kühe zu kuscheln und keine Wohnung zu mieten, um flexibel zu sein. Ich mache das, weil ich mich auf nichts festlegen will und trotzdem weiß, was ich will.

Ihr findet mich bei Instagram unter Anja_wiwa

Über die Autorin

Anja, 23, wohnt Teilzeit, aber ohne festen Wohnsitz in ihrem froschgrünen Sprinter Günther, um ihrer immer wechselnden Neugierde Frau werden zu können. Sie arbeitet in der Schweiz auf Bergbauernhöfen und im Sommer auf einer Alp. Zwischen Stadt und Land, Urlaub weit weg oder Zuhause sein muss man sich im Van zum Glück nicht entscheiden

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